Newsletter Nr 48 Herbst 2025
Newsletter Nr 48
Liebe Interessierte und Freunde

Der Herbst steht vor der Tür. Mit ihm geniessen wir in Wäldern und Feldern die Ernte dieses Jahres.
Alles Leben, in Individuen wie auch in Kollektiven, folgt Entwicklungsgesetzen. Eines, dass ich gerade intensiver beobachte, ist das Gesetz der Polarisierung. Hier ein paar Gedanken dazu.
Ich habe mich als Jugendliche gefragt, ob es stimmt, dass Werte und Normen sich im Verlauf von wenigen Jahrzehnten entscheidend verändern, wenn meine Großeltern solche Sätze formulierten wie „früher war alles anders“ oder „ sowas hat es zu unserer Zeit nicht gegeben“ und Ähnliches.
Meine Feststellung ist: ja, gerade heutzutage ändern sich Werte und präferierte Blickwinkel in rasanter Geschwindigkeit. Dinge, die vor 10 bis 20 Jahren in weiten Teilen der Gesellschaft als anerkannt und wahr galten, wie zB dass Menschen aus vom Krieg betroffenen Ländern Anrecht auf Schutz und Asyl haben, sind heute in Frage gestellt. Was noch vor zwei Generationen gar nicht ging, zB die Forderung nach Gleichstellung von Menschen jeglicher Genderzuordnung, wird heute als Anrecht geltend gemacht.
Die sogenannte sexuelle Befreiung der späten 60ger Jahre erlebt seit einiger Zeit eine Bewegung in die gegensätzliche Richtung. Junge Menschen der Generation Z, also die Ende der 1990ger bis 2010 Geborenen, bekennen sich heute vermehrt wieder zur seriellen Monogamie und zur Enthaltsamkeit von Sex ausserhalb verbindlicher Beziehungen.
Ein weiterer Wandel zeigt eine Abkehr von den Werten der patriarchalen Leistungsgesellschaft hin zum Fokus auf Selbstfürsorge und gerechter Work-Life-Balance für alle. Eine der von manchen als Maximalforderung empfundenen Ideen hierzu stellt vielleicht die Frage nach einem bedingungslosem Grundeinkommen dar.
Meist ist bei diesen Wertverschiebungen der Wunsch nach mehr Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung die treibende Kraft. Die Diversität, der von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angestrebten Lösungen, steht für die übergeordneten Werte und inhärenten Möglichkeiten einer demokratischen Grundordnung. Ich darf auf meine Art nach Glück, Freiheit und Selbstverwirklichung streben. Das ist eine großartige Sache und eine wunderbare Errungenschaft der modernen, demokratischen Systeme.
Gleichzeitig stehen wir vor zunehmend größeren Herausforderungen, die uns persönlich und als Gesellschaften fordern. Man könnte es ganz schlicht so ausdrücken: „Die fetten Jahre sind vorbei!“ Auch das ist in gewisser Weise von zwingender Folgerichtigkeit, da „die fetten Jahre“ in der ersten Welt sehr häufig mit dem Elend und der Ausbeutung weiter Teile der Menschheit und der Natur erkauft wurden. Heute stehen wir am Schlusspunkt dieser Entwicklung durch das schon seit vielen Jahren prognostizierte Ende des Wachstums. Im Jahr 1972 wurde vom Club of Rome erstmals die Studie „Grenzen des Wachstums“ herausgegeben und seitdem immer wieder auf neuesten Stand gebracht. Das hat leider bislang noch keine systemrelevanten Reaktionen in den weltweiten politischen Entscheidungsprozessen zur Folge gehabt. Dazu sind politische Systeme, vor allem als demokratische Organisationen wohl zu träge, da sehr viele Interessen vertreten sind, die miteinander verhandelt werden müssen.
Wie können wir heute trotz allem einen Begriff von Selbstfürsorge entwickeln, der die Fürsorge für das Gesamte, das Allgemeinwohl und die nächsten Generationen, unabhängig von äusseren Faktoren wie Nationalität, Geschlecht, Hautfarbe etc. mit einschließt? Wie können wir zurück finden zu einem Blick auf unser Leben, in dem wir Leistung erbringen als unseren Beitrag zu einer freiheitlichen und nachhaltigen Gesellschaft?
Wie wäre es, wenn wir uns als Teil von etwas Wertvollem verstehen und erleben, nämlich einer allem Leben fürsorglich zugewandten, selbstverantwortlichen und langsam erwachsen werdenden menschlichen Gemeinschaft? In so einer Gesellschaft wissen wir, dass wir ernten, was wir säen, wissen um das Prinzip von Geben und Nehmen und dass jeder einzelne Mensch einen Beitrag leisten kann und auch sollte für das Leben, dass wir zu leben wünschen. Wir würden uns als Individuen ebenso, wie als Gruppen, Gesellschaften und Nationen unterstützen in der Absicht miteinander beizutragen zu einem lebenswerten Leben für alles, was Haut, Fell oder Rinde trägt. Damit verbunden wäre ein Perspektive, die frei von Polarisierungstendenzen und statt dessen von dem Willen zur Kooperation geprägt ist.
Joan C. Tronto beschreibt in ihrem Buch „Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethic of Care“ in dem es um die gerechtere Verteilung und Wertschätzung von Care-Arbeit geht Fürsorge als jene “Aktivität unserer Spezies, die alles umfasst, was wir tun, um die Welt zu erhalten, fortzuführen und wiederherzustellen, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können.“
Ich wünsche uns allen in diesem Herbst die Kraft und die Klarheit zu erkennen, was unser natürlicher Beitrag ins Leben ist und wie wir auch in den kommenden Jahren eine gute, lebenswerte und von Fürsorge geprägte Ernte unseres Handelns einbringen können.
AM
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Und hier der Literaturhinweis: Teresa Bücker: Alle Zeit - eine Frage von Macht und Freiheit
Das Buch der Journalistin Teresa Bücker bringt uns den Wahn der „optimierten“ Zeitgestaltung in den entwickelten Ländern nahe. Sie stellt auf nüchterne Art und in vielen unterschiedlichen Blickwinkeln die Gleichstellung von Beschäftigtsein mit Lebensidentität und Bedeutung dar und lädt ein, die Normen und Werte der immer weniger uns selbst gehörenden Zeit in Frage zu stellen. Auch wenn wir heute real weniger arbeiten müssen, verlieren wir dennoch die Hoheit über unsere Lebenszeit durch steigende gesellschaftliche Normen, die mediale Omnipräsenz und Übertransparenz und die tief in uns verwurzelten Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Diese wird in der Regel noch immer vielfach über Leistung, Geld und finanzielle Möglichkeiten für Konsum und Erfahrungsdichte dargestellt und befriedigt. Das Buch lädt uns ein, unsere eigene Geschäftigkeit in Frage zu stellen und uns von ungesunden Normen zu befreien. Dazu brauchen wir nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch veränderte politische Strukturen.
Herzliche Grüße und einen gesegneten Herbst
Anke Mrosla