Newsletter Nr 51 Sommer 2026
Newsletter Nr 51
Liebe Interessierte und Freunde

Der Sommer ist da – die Zeit für Feiern, Ferien und Freizeit. Kirschen und Erdbeeren, Salat und Kohlrabi reifen uns entgegen. Es ist die Zeit der Fülle.
Und während das wahr ist und wir die Wärme auf der Haut, das Baden im See oder den Urlaub am Meer genießen, ist da gleichzeitig das Bewusstsein für unsere im Wandel befindliche Welt. Vor einigen Tagen fasste es eine Freundin so zusammen: „Die fetten Jahre sind tatsächlich vorbei.“
Was bedeutet das für uns als Menschheit, wenn die Zeiten von Wachstum, steigendem Wohlstand sowie ökonomischer und politischer Stabilität für viele – sofern sie in den privilegierten Teilen der Welt aufgewachsen sind – sich aktuell dem Ende zuneigen? In der Historie sind Zeiten der Instabilität immer wieder aufgetreten. Kriege, soziale Katastrophen und Hungersnöte gehören zur menschlichen Geschichte. Ein weltumspannend zu erwartendes Ende der Ressourcen, z. B. von Öl, fruchtbare Böden, aber auch eines in vielen Teilen der Erde milden Klimas oder ausreichender Wasservorkommen, gab es jedoch noch nie.
Wie treten wir diesem Szenario gegenüber? Was wird es uns ermöglichen, mit den Herausforderungen der Zukunft konstruktiv umzugehen?
In meiner Beschäftigung mit diesen Fragen komme ich zurück auf eine Unterweisung aus den schamanischen Lehren der Twisted Hairs, die auch aus den populären Schriften Carlos Castanedas bekannt sind. Es geht um die Feinde des Kriegers, die angeführt werden von der ANGST.
Als Menschen müssen wir die Feinde einen nach dem anderen konfrontieren. Wir gelangen nur durch die Überwindung persönlicher ANGST vor dem Unbekannten, z. B. beim Ergreifen neuer Möglichkeiten, zu einem Mehr an Wissen. Aus dem größeren WISSEN und der Fähigkeit, sich über Situationen Klarheit zu verschaffen, entsteht persönliche MACHT. Klarheit wird zum Feind, wenn sie in geistige Überheblichkeit und Abgebrühtheit im Sinne von „Weiß ich alles schon, nichts Neues unter der Sonne“ führt.
Wer den Feind der Klarheit besiegt kann echte Macht besitzen, denn er hat den Überblick und kann informierte Entscheidungen treffen. Macht wiederum braucht Demut und Mitgefühl, um sich nicht durch Manipulation und Missbrauch Vorteile zu verschaffen auf der Suche nach persönlicher Unsterblichkeit.
Den Tod jedoch können wir nicht besiegen. ALTER UND TOD gehören zum Leben. Ihnen mit Würde zu begegnen braucht unsere Angstfreiheit, unser reflektiertes Wissen über die Natur aller Schöpfung, sowie unsere Bereitschaft, persönliche Macht als Geschenk im Dienst des Lebens zu verstehen. Indem wir die Feinde besiegen und sie zu Verbündeten machen, können wir unser Leben selbstbestimmt und in Freiheit leben, solange unsere Zeit dauert.
Zur Angst:
Die schamanischen Traditionen unterscheiden zwischen der sogenannten Tierangst und neurotischen Ängsten. Tierangst oder Realangst bezeichnet die körperliche Angstreaktion, wenn z. B. ein Hund zähnefletschend und knurrend auf mich zurennt. Ich wappne mich, ergreife die Flucht oder bereite mich auf einen Kampf vor. Die Angst ist hier mein Verbündeter, wenn sie mich nicht lähmt, sondern in Aktionsbereitschaft versetzt.
Neurotische Ängste sind Angstreaktionen, die durch Erfahrungen in der Vergangenheit entstanden sind, ohne im Hier und Jetzt einen konkreten Anlass zu haben. Ein Beispiel ist die ständige lähmende Angst davor, etwas falsch zu machen, weil ich als Kind oft beschämt wurde, wenn ich mich mit meiner Lebendigkeit oder Begeisterung gezeigt habe. Wenn diese Angst mich davon abhält, meine Träume zu leben, Ziele zu verwirklichen etc., dann haben wir es mit neurotischer Angst zu tun. Im Weiteren wird von den neurotischen Ängsten die Rede sein.
Wilhelm Reich, Psychoanalytiker und Begründer der Vegetotherapie und der Charakteranalyse, schrieb 1933 das Buch „Die Massenpsychologie des Faschismus“ in dem Versuch, den psychologischen Nährboden für faschistisches Denken zu verstehen. Seine These lautete, dass die autoritären Familienstrukturen seiner Zeit, in der Kinder dem Patriarchen in der Familie bedingungslos zu gehorchen hatten, sowie die Sexual- und Triebunterdrückung zu Lebensangst und damit zu einer tiefgreifenden Unfähigkeit zur Freiheit führen. Er nannte das Ergebnis dieser Entwicklung den autoritären Charakter, der sich durch Anpassung, Gehorsam und Konformität auszeichnete.
Erich Fromm verfasste 1941 das Buch „Die Furcht vor der Freiheit“. In ihm beschrieb er, anders als Reich, nicht die innerpsychischen Auslöser für Angst, sondern richtete sein Augenmerk auf die sogenannte Sozialangst des modernen Menschen. Durch Aufklärung und industrielle Revolution wurden in einem jahrhundertelang andauernden Prozess die klaren Orientierungen der Menschen an Kirche, Staat und Vaterland zugunsten einer stärkeren Individuation aufgelöst.
Seitdem ist der Mensch selbst mehr und mehr Gestalter seines eigenen Geschickes. Daraus erwachsen aber auch Versagensängste, zunehmende Isolation, Ohnmachtsgefühle und Orientierungslosigkeit. Sich auf eine sichere und überschaubare Art zugehörig zu fühlen, ist ein vitales menschliches Bedürfnis. Ohne Zugehörigkeit fühlen wir uns verloren in einer kalten, bindungslosen Welt und damit allein mit unserer Angst. Diese Gefühle von Isaolation und Orientierungslosigkeit sah Fromm als Nährboden für die sogenannte "Automatenkonformität", die einen bestimmenden Anteil an der Ausbildung faschistischer Geisteshaltungen hat.
Was damals von Fromm und Reich phänomenologisch in der Gesellschaft und im Einzelnen beschrieben wurde, ist in ähnlicher Weise und dabei gleichzeitig in deutlich höherer Komplexität wahr für die heutige Zeit. Die Informationsfülle überschwemmt uns Tag für Tag. Wir können in den meisten Fällen kaum etwas beitragen, sondern sind passive Konsumenten des Weltgeschehens. Und die Nachrichten scheinen überwiegend besorgniserregend.
Geschwindigkeit und Komplexität des Lebens haben rasant zugenommen. Dauernde Erreichbarkeit und schnelles Reagieren gehören zu unseren Alltagsanforderungen. Pausen sind im Leben kaum noch natürlich vorhanden. Wir leben in Städten, die niemals schlafen, und die Unterhaltungskultur hält uns ohne Unterbrechung auf Trab.
Wenn Angst aus der von innen kommenden Unterdrückung unserer natürlichen Bedürfnisse und der nach außen gerichteten Anpassung an vermeintliche Normen entsteht, brauchen wir für den Umgang mit der Angst auf der persönlichen Ebene tragfähige Bindungen. Sie ermöglichen es uns, über Ängste und Unsicherheiten zu sprechen, unseren Handlungsspielraum in neuen und unsicheren Situationen langsam auszudehnen und damit aus der angstgetriebenen Einsamkeit auszusteigen.
Ein achtsamer Umgang mit der menschlichen Bedürfnisvielfalt ist gefragt, die neben Vergnügen, Freizeit und kreativem Selbstausdruck auch Pausen, Integration, Langeweile, Löcher-in-die-Luft-Schauen und Zeit für die vollständige Verständigung zwischen Menschen zulässt.
Ich wünsche uns allen in diesem Sommer einen Lebensrhythmus, der es uns erlaubt, uns Zeit für unsere Ängste zu nehmen, sie in mitfühlender Weise zu betrachten und im Austausch mit uns selbst, mit Familie, Freunden und Weggefährten konstruktive Lösungen zu erkunden.
Und hier noch ein grober Überblick über die vier Feinde:
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Der 1. Feind Furcht/ Angst |
Der 2. Feind Klarheit/Wissen |
Der 3. Feind Macht |
Der 4. Feind Alter/ Tod |
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Der Feind taucht auf, weil (Du) … |
· Deine Konzepte infrage gestellt werden · sich neue Erfahrungsräume öffnen wollen |
·stolz auf Dein Gelerntes bist · Philosophien & Ideologien entwickelst |
· Andere einschätzen/ und ihre Reaktionen vorhersagen kannst · Andere manipulieren kannst |
· älter wirst, egal was Du tust · Du nur begrenzt Zeit hast |
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Auswirkung |
Lähmende Angst, Orientierung an Vergangenheit oder Zukunft, Langeweile, Trägheit, Ablenkung |
Illusion, die wichtigen Dinge schon gemacht & erfahren zu haben |
Kontrolle von Men-schen und Dingen Einsamkeit, Manipulation |
Schwächung, Regression, Erstarrung, Angst |
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Folgen für Dich und Andere |
Passives Verharren, Vermeiden, Einfrieren |
Überheblichkeit, falsche Wahrnehmung |
kein Vertrauen, Narzissmus, Status-kampf, kein Lernen |
Verlust an Lebenskraft, Regression, Hoffnungslosigkeit |
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Was wäre zu tun? |
Handle! Das Unbekannte bekannt machen, Forschen & Erkunden |
Wissen immer neu hinter-fragen! Demut, Neugierde & weitere Fragen finden |
Deinen wahren Willen entdecken! Kooperation üben, Motivationen klären, den eigenen Schatten erleuchten |
Carpe Diem et memento mori! Den Tod zum Verbündeten machen |
AM
Mein besonderes Angebot
Angstforschung im Kontext von Beziehung und Liebe
Ein Abend im Lebenswegehaus zum Thema Umgang mit der Angst zwischen Verlust und Vereinnahmung.
In der Gruppe forschen wir mit den Mitteln des Forums und in Kleingruppen zu aktuellen persönlichen Ängsten, die rund um unsere Liebessituation, um Öffnung in der Liebe, unterschiedliche Bedürfnisse in der Partnerschaft etc. entstehen.
Termin: Do. 23. 07., von 19 bis 21 Uhr
Ort: Lebenswegehaus, Dorfstr. 18,14806 Lübnitz
Kosten: Spende
Anmeldung via e-mail erforderlich: lebenswege1posteode
Literaturhinweis: Erich Fromm: „Die Furcht vor der Freiheit“
Fromm thematisierte mit diesem Buch 1941 die Angst vor der Freiheit als soziales Phänomen. Der moderne Mensch, der von den Fesseln befreit ist, die ihm vormals Kirche und Staat auferlegt haben, findet sich orientierungs- und machtlos in einer immer komplexer werdenden Welt wieder. Vor nunmehr 85 Jahren entstanden, ist das Buch auch für uns im Jahr 2026 brandaktuell. Es gibt uns Hinweise, um unseren inneren Kompass auf die Welt auszurichten, in der wir leben wollen. Im besten Fall macht es uns vielleicht weniger anfällig für falsche Versprechungen von Sicherheit, die uns autokratische Kräfte anbieten möchten.
Mit besten Wünschen für einen angstarmen und satten, füllig-wonnigen Sommer
Anke Mrosla